Carl auch ein Meister der Improvi-  sation. Selbst in den wenigen, stark  beschädigten Restbeständen seines  zerbombten Lagers fand er noch  immer das Eine oder Andere, was sich  für ein Tauschgeschäft verwerten ließ.  Einigen solcher Tauschge-  schäfte war es auch zu verdanken,  dass Christine den Kindern eine  Weihnachtsüberraschung besonderer  Art hatte bereiten können. Für ein  paar Sack Düngemittel und etwas  Getreidesaatgut, das er in seinem  zerschossenen, kleinen Lagerhaus  noch zusammenkratzen konnte, hatte  Carl bei verschiedenen Bauern in der  Gegend Mehl, Rübenkrautsirup, Man-  deln, andere Zutaten und schließlich  sogar Eier und ein Stückchen kostbare Butter aufgetrieben – kurzum – alles,  was man zum Backen von Weih-  nachtsplätzchen und richtigem Leb-  kuchen brauchte. Damit die Kinder nichts mitbekamen,  buk Christine die Kostbarkeiten  einige Tage vor dem Fest im  Hause ihres verwitweten  Vaters, das nicht weit  entfernt war. Alles duftete  fantastisch und schmeckte schon beim zaghaften Probieren wahrhaft himm-  lisch. Zwei Tage vor Heiligabend   Das Wertvollste, was die junge Familie  von Carl und Christine zu Weih-  nachten 1945 bekommen hatte, waren  ohne Zweifel Freiheit und Unversehrt-  heit. Der Krieg war vorbei, und wie  durch ein Wunder waren weder ihre  drei Kinder noch sie selbst zu Schaden gekommen. Carl war von der Ostfront  nach Hause geschickt worden, bevor  er zum Kriegseinsatz kam, und die  Bombe, die den Dachfirst des heimat-  lichen Hauses noch unmittelbar vor  Kriegsende durchbrochen hatte, war  direkt vor dem Kellerfenster, hinter  dem die ganze Familie mit angstvoll  aufgerissenen Augen hockte, auf dem  Hof aufgeschlagen, ohne zu explodie-  ren. Der kleine Familienbetrieb von  Carl und dessen Mutter war größten-  teils zerstört und das Wohnhaus war  zwischenzeitlich vom französischen  Ortskommandanten und dessen Fami-  lie besetzt worden. Christine, Carl und  die Kinder mussten sich mit zwei  kleinen Dachkammern begnügen, aber  all das war zu verschmerzen. Im  Vergleich zum Elend in den zer-  bombten Städten war das Leben im  Dorf noch immer beinahe ein  bescheidener Wohlstand. Zumindest  bekam man hier noch meistens die  nötigsten Grundnahrungsmittel und  etwas Holz oder Kohle zum Heizen.  Als Kaufmann aus Leidenschaft war   bekam die Familie ein unerwartetes  Geschenk. Madame Boulanger, der  Frau des französischen Ortskomman-  danten, war es gelungen, ihren an-  sonsten sehr gestrengen Gemahl in  Weihnachtslaune zu versetzen und  ihn zu überreden, Christine, Carl und  den Kindern neben den beiden Dach-  kammern ab heute einen zusätz-  lichen, größeren Raum im ersten  Stock zur Verfügung zu stellen.  Christine war überglücklich. Sie verriet  den Kindern noch nichts und richtete  das "neue" Zimmer klammheimlich als  Weihnachtsstube her. Sie dekorierte  den ganzen Raum mit Tannengrün  und schmückte das Tännchen,  welches Carl in der für ihn typischen  Weise "organisiert" hatte, mit Äpfeln  und dem wenigen Weihnachts-  schmuck, der den Vandalismus der  Besatzungssoldaten überstanden  hatte. Unter dem Baum drappierte sie  die Puppenkleidchen, die sie in den  letzten Wochen aus aufgezogener  Wolle von alten Pullovern als Ge-  schenke für die Mädchen gestrickt  hatte. Für Karl Heinz, den Ältesten,  hatte ein Schreiner aus der  Nachbarschaft für drei Flaschen  Moselwein einen wirklich schönen  Roller gebaut. Und da der Junge  schon sechs war und zu Ostern in die  Schule kommen sollte, gab es für ihn  auch einen frisch aufpolierten Schul-  ranzen, der einst Carls jüngster  Schwester Gretchen gehört hatte.   Am Nachmittag des 24. Dezember,  während Gretchen auf die Kinder  aufpasste und ihnen Weihnachts-  geschichten vorlas, holte Christine  aus dem Haus ihres Vaters das  Prunkstück ab, das sie in den letzten  Tagen liebevoll und mit sehr viel  Fantasie angefertigt hatte.   Aus dem selbst gebackenen Leb-  kuchen, den Nüssen und Mandeln  und aus einer Menge Zuckerguss  hatte sie ein richtiges, großes  Knusperhäuschen gebaut – ein  Knusperhäuschen mit allem Drum  und Dran, wie bei Hänsel und Gretel,  einschließlich Vorgärtchen und  Gartenzaun. Alles war aus selbst  gemachtem, kostbarem Gebäck und  teilweise sogar mit einer Schnee-  decke aus wohlschmeckender Mehl-  Zuckerpampe bedeckt. Unter dem  Weihnachtsbaum zwischen den  Geschenken sah das Schmuckstück  buchstäblich zum Anbeißen aus.