Für mein zwanzigjähriges Dienstjubiläum als Kriminalpsychologe hätte ich mir weiß Gott einen würdigeren Rahmen vorstellen können als ausgerechnet die Mädchentoilette eines Provinzgymnasiums. Aber statt mit einem Sektglas in der Hand im Büro des Polizeipräsiden- ten zu stehen, stand ich jetzt mit beschwichtig- end von mir gestreckten Händen hier. Und mir gegenüber, auf dem zugeklappten Klodeckel in der offenen, mitt- leren Kabine kauerte diese sechzehnjährige Oberschülerin und presste sich mit ihrer verkrampften, zierlichen Hand den schweren Revolver an die Schläfe, mit dem sie vor etwa einer halben Stunde, nach Ansicht des Direktors und der Lehrer ohne jeden erkennbaren Grund, zwei Klassenkameraden krankenhausreif geschossen hatte. „Wenn sie versuchen, mich hier `rauszuholen, drücke ich ab!“, sagte sie eigentümlich gefasst und sehr überzeugend. Zwar war der Hahn des Revolvers nicht gespannt, aber obwohl die Fingerknöchel des Mädchens vom angestrengten Festhalten des klobigen Griffs schon fast blutleer waren, zweifelte ich nicht daran, dass sie in ihrer Panik noch genug Kraft gehabt hätte, den Abzug auch ohne vorheriges Spannen des Hahnes durchzuziehen. „Nein, nein!“, sagte ich beschwichtigend, „Ich will sie hier nicht `rausholen, ganz bestimmt nicht! Und ich versuche auch keine linken Tricks. Das verspreche ich ihnen. Ich wollte nur wissen, ob sie o.k. sind und ihnen sagen, dass die beiden Jungs, auf die sie geschossen haben, nicht in Lebensgefahr schweben.“ Sie atmete hörbar auf und auf ihr Gesicht trat ein kaum merklicher Ausdruck der Erleichterung. Für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als wollte sie die Waffe von ihrer Schläfe nehmen. Aber dann klammerten sich ihre zierlichen Finger erneut um den großen Griff. Vorsichtig und so unauffällig, wie ich nur konnte, musterte ich das Mädchen von Kopf bis Fuß. Durchschnittliche, unauffällige Jugendkleidung, unauffällige Frisur, keine Tattoos, kein Pearcing – da war absolut nichts, was auch nur im Entferntesten auf Aufsässigkeit oder gar Gewaltbereitschaft hätte hindeuten können. Und wären die beiden kleinen Blutflecke auf dem Boden in der Nähe der Ausgangstür und die beiden zersplitterten Kacheln in der Wand nicht gewesen, dann hätte man das Ganze durchaus für die verzweifelte Aktion eines romantischen, von Liebeskummer geplagten Teenagers halten können. „Okay, ...“, sagte ich, „... ich weiß jetzt, dass es ihnen den Umständen entsprechend gut geht und dass sie erst `mal ihre Ruhe haben wollen. – Einverstanden! –
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